Marie Grünberg - eine Gerechte unter den Völkern

Yad Vashem, die Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust in Jerusalem, ehrt mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“ nichtjüdische Personen und Organisationen, die sich dem Regime des deutschen Nationalsozialismus widersetzt und Juden gerettet haben. Eine der Geehrten ist Marie Grünberg, die in der Ziegelstraße 30 in Blankenburg lebte. Marie Grünberg wurde von der Kommission Yad Vashem für würdig befunden, in den Kreis der Gerechten aufgenommen zu werden. Die Ehrung nahm im August 1984 der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Heinz Galinski, vor.

Viele wissen mit der Person von Oskar Schindler etwas anzufangen, doch wer war Marie Grünberg und welches waren ihre Taten, die sie in den Kreis der Gerechten unter den Völkern haben aufnehmen lassen? Leider konnte sie, wie auch ihr jüdischer Eheman, nicht mehr befragt werden.  Marie Grünberg ist 1987 verstorben, Kurt Grünberg schon 1967.

Marie Grünberg, geborene Albrecht, erblickte am 21. Januar 1903 in Pappelhorst in der Neumark (heute Polen) das Licht der Welt. Die Schulzeit hat sie 1917 in der Einklassenschule von Neudorf mit guten Noten beendet. Irgendwann ist sie nach Berlin gekommen und hat den hier im Jahre 1902  geborenen Juden Kurt Grünberg kennen gelernt und 1930 geheiratet. Als 1933 der Nationalsozialismus die Macht übernahm, bekam Marie Grünberg die Konsequenzen einer Mischehe zu spüren. Ihr Ehemann Kurt Grünberg führte in Berlin-Weißensee einen kleinen Seifenladen. Im Zuge der Übergriffe der Nazis auf Juden in der Progromnacht am 9./10. November 1938 wurde er zwei Tage darauf mitten aus seiner Geschäftstätigkeit und vor den Augen von Kunden von zwei SS-Leuten verhaftet, auf ein bereitstehendes Lastauto gestoßen und ins KZ Sachsenhausen eingeliefert. Am 23. Dezember wurde er zwar entlassen, musste aber sein Geschäft an einen„Arier“ verkaufen und im Weiteren noch eine größere Geldsumme an den NS-Staat zahlen, weil dieser die entstandenen Aufwendungen der Progromnacht den Juden anlastete. Kurt Grünberg war abgemagert und zerschunden  zurückgekommen. Ihm war befohlen worden, kein Wort über das KZ zu sagen. Als er im Jahre 1939 in Erkenntnis der sich abzeichnenden Entwicklung das bereits früher erworbene Anwesen Ziegelstraße 30 auf seine Frau überschreiben lassen wollte, wurde ihm das mit der Begründung abgelehnt: „Auch nach der Übertragung des Eigentums an dem Grundstück von dem jüdischen Mann auf seine arische Ehefrau bleibt ein maßgeblicher Einfluss des Mannes auf Verwaltung und Nutznießung des Grundstücks bestehen. Der Vertrag bewirkt daher tatsächlich keine Entjudung des Grundstücks und kann daher nicht genehmigt werden“.

Der Ausschließungsschein für Kurt Grünberg vom Wehrdienst1940 wurde Kurt Grünberg dauernd vom Wehrdienst ausgeschlossen, was für sich genommen nicht das Schlimmste gewesen sein dürfte, wäre da nicht die wachsende Ungewissheit über das eigene Schicksal und das seiner Frau geblieben. Er musste sich, wie alle Juden, den gelben Judenstern auf der Kleidung annähen und jede andere Kennzeichnung mit dem „J“ annehmen, wie auch den Namenszusatz Kurt Israel Grünberg. (Jüdischen Frauen wurde der Vorname Sarah beigelegt.)

Generell mussten die verbliebenen Juden Zwangsarbeit leisten – meist in Rüstungsbetrieben. Dass es überhaupt noch Juden in Berlin gab, sollte sich nach der kriegstreiberischen Rede von Goebbels im Sportpalast vom 18. Februar 1943 ändern, als er dort vor fanatisierten NS-Anhängern den „totalen Krieg“ propagierte und forderte, Berlin solle judenfrei werden.

Am Samstag, den 27. Februar 1943, wurden in einer stadtweiten Razzia der Gestapo etwa 11.000 Juden an ihren Arbeitsplätzen, in ihren Wohnungen oder auf der Straße verhaftet. Über 9.000 von ihnen wurden im März direkt nach Auschwitz bzw. über Theresienstadt deportiert. Unter ihnen auch Arthur und Margarte Abrahamsohn, Verwandte von Kurt und Marie Grünberg. Sie sind später in Auschwitz ermordet worden. Wer nach den Richtlinien des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) vom 20. Februar 1943 noch nicht sofort deportiert werden sollte, wurde im bisherigen „Jüdischen Arbeitsamt“ in der Rosenstraße 2-4 (Mitte) festgesetzt. Es waren rund 2.000 sogenannte Mischehepartner und Mischlinge. Unter ihnen hat sich auch Kurt Grünberg befunden. Einige von ihnen sollten in den noch bestehenden jüdischen Institutionen (Reichsvertretung, Jüdische Gemeinde, Jüdisches Krankenhaus im Wedding) eingesetzt werden, um in diesen Einrichtungen deportierte Volljuden zu ersetzen. Auch durch die Wirkung eines eine Woche andauernden couragierten Protestes von Hunderten von Frauen in der Rosenstraße wurden alle hier befindlichen „arisch versippten“ Juden vorerst wieder frei gelassen und konnten ihr Leben weiter „fristen“. Einige dieser Juden haben versucht, sich vor dieser unter dem Namen „Fabrikaktion“ abgelaufenen und sich fortsetzenden Razzia, deren allgemeiner Anfang von Albert Speer als Generalbauinspektor von Berlin bereits im November 1941 veranlasst worden war, durch Flucht und Untertauchen in die Illegalität zu retten. So auch Martin Grünberg, Maries Schwager, sowie ein Arbeitskollege von ihm und eine entfernte Verwandte mit ihrem „arischen“ Verlobten. Letzterer hatte sich der Einberufung zur Wehrmacht widersetzt und versteckte sich, um der Strafversetzung zu der berüchtigten Einheit 999 zu entgehen.

Das Gartenhaus in BlankenburgDiese vier Illegalen versteckten Marie und Kurt Grünberg in ihrer Stadtwohnung und als diese durch einen Fliegerangriff am 23. November 1943 zerstört wurde, brachten sie die Personen sukzessive in ihrem kleinen Sommerhäuschen in Blankenburg unter. Hier war auch ihr jugendlicher Neffe Heinz Abrahamsohn häufig zu Gast, um Kontakt zu ihnen zu halten und um wieder „auftanken“ zu können. Er war der Verhaftungswelle nur deshalb entgangen, weil er auf seiner Zwangsarbeitsstelle Nachtschicht hatte. Er hatte sich dann vor der Entscheidung stehend, den Eltern in die Deportation zu folgen, oder in den Unter-grund zu gehen, der gerade gegründeten Widerstandsgruppe „Chug Chaluzi“ (Kreis der Pioniere) angeschlossen, die es sich zur Aufgabe machte,  elternlosen jüdischen Jugendlichen beim Überleben in der Illegalität zu helfen.

Die Hauptlast der Versorgung dieser vier und mit sich selbst sogar sechs Personen lag ganz allein auf den Schultern von Marie Grünberg. Bei nur zwei Lebensmittelkarten, davon eine mit dem berüchtigten „J“ gekennzeichnet, und mit geringeren Rationen ausgestattet und auch trotz des Gemüses und Obst aus dem Garten, grenzt das an ein Wunder. Dabei war auch das Zusammenleben in der kleinen Wohnlaube ein Problem. Martin Grünberg schlief in der Veranda, Marie und Kurt Grünberg in dem einen und die anderen drei Personen in dem anderen Zimmer. Um nicht entdeckt zu werden, bauten Grünbergs ein verdeckt liegendes WC direkt an der Wohnlaube an. Sehen lassen durfte sich keiner der vier Illegalen. Einmal entkamen sie einer Entdeckung durch die Ortspolizei nur, weil sie sich noch vor der Kontrolle des Hauses im hinteren Teil des Gartens verstecken konnten. Ein Lichtschein war während der angeordneten Verdunkelungsphase nach außen gedrungen und vom Luftschutzwart gesehen worden.

Trotz der allgemeinen nationalsozialistischen Indoktrination der Bevölkerung hat es offenbar doch Helfer gegeben. So wird erzählt, dass der Kolonialwarenhändler Herbert Salewski aus der Georgenstraße 17  Lebensmittel in der Aktentasche durch die Suderoder Straße in Richtung Ziegelstraße gebracht habe - die Nr. 30 der Ziegelstraße liegt nur wenige Meter abseits.

Heinz Abrahamsohn (2. von rechts) im Kreis seiner Gruppe (um 1943)Die nicht deportierten „geschützten“ Juden lebten bis Kriegsende in zunehmender Isolation und unter ständiger Bedrohung einer weiteren Radikalisierung der NS-Vernichtungspolitik. Die Anfang 1945 vom RSHA geplante Deportation aller „Mischlinge“ und in „Mischehe“ Lebenden nach Theresienstadt scheiterte am Vormarsch der Alliierten. Die vier bei Marie Grünberg versteckten Illegalen wie auch ihr Ehemann Kurt Grünberg haben den Holocaust überstanden. Auch ihrem Neffen Heinz Abrahamsohn ist das trotz zweier Verhaftungen gelungen. Er hat seine Erinnerungen, die auch seine Aufenthalte in Blankenburg beinhalten, in dem 2015 erschienenen Band 6 der Gedenkstätte Stille Helden (Hrsg. Beate Kosmala und Patrick Siegele) unter dem Titel „Mit dem Mut der Verzweiflung“ der Nachwelt hinterlassen.

Marie Grünberg hat noch viele Jahre in Blankenburg gelebt. Von den Nachbarn wurde sie liebevoll „Tante Marie“ genannt. Sie starb am 27. Oktober 1987. Ihre letzte Ruhe hat sie bei ihrem Mann auf dem Friedhof der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gefunden.

Der Kreis der als „Gerechte unter den Völkern“ Geehrten umfasst weltweit über 19.000 Personen. Unter ihnen sind viele aus Berlin, wie Marie Grünberg aus Blankenburg.

 

Mit freundlicher Genehmigung aus "Blankenburger Geschichte(n) Nr. 6" (2009, ergänzt 2015) von Hansjürgen Bernschein, Berlin-Blankenburg

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P.S.: Es hat in Blankenburg noch weitere Personen gegeben, die auf ihre Weise jüdische Mitmenschen unterstützt haben. Karl Blümel aus der Straße Am Fließ 33 hat eine jüdische Arbeitskollegin eine Zeit lang im Kaninchenstall versteckt. Diese ist allerdings auf dem Wege in ihre Stadtwohnung infolge eines Fliegerangriffs im Dezember 1944 ums Leben gekommen. Über die Familie Bernert und Georg Ikwat wurde im Heft 2 der „Blankenburger Geschichte(n)“ berichtet.

Gedenkveranstaltung zu Ehren von Marie Grünberg am 13. Mai

Einladung Gedenkveranstaltung Marie Grünberg70 Jahre nach seiner Befreiung kommt Zvi Aviram aus Israel zu einer Lesereise nach Deutschland. Geboren 1927 in Berlin als Heinz Abrahamson gehört er zu den letzten Überlebenden der Shoah. Zu denen, die ihm in den letzten Jahren des Krieges das Überleben im Untergrund ermöglichten, gehört Marie Grünberg aus Blankenburg. Sie versteckte bis zu vier untergetauchte Juden unter ständiger Lebensgefahr in ihrem Gartenhaus in der Ziegelstraße 30. Für ihren Mut wurde sie nach dem Krieg von der Gedenkstätte Yad Vashem als »Gerechte unter den Völkern« geehrt.

Am 13. Mai 2015 veranstaltet daher der Runde Tisch Blankenburg in Kooperation mit dem Anne-Frank-Zentrum, der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, der Kirchengemeinde Berlin-Blankenburg und der Albert-Schweitzer-Stiftung Wohnen und Betreuen eine öffentliche Veranstaltung zu Ehren von Marie Grünberg im evangelischen Gemeindehaus, Alt-Blankenburg 17. Dazu wird auch Marie Grünbergs Enkel, Zvi Aviram aus Israel anreisen und von seinen Erlebnissen im nationalsozialistischen Widerstand erzählen. Damit im Zusammenhang steht auch die voraussichtlich im Herbst 2015 erfolgende Benennung der "Straße 46" in "Marie-Grünberg-Str.".

Feierliche Einweihung der Marie-Grünberg-Str. am 12.11.2016

Am Samstag, dem 12. November findet um 14 Uhr vor Ort die Feier zur Benennung der Straße 46 in "Marie-Grünberg-Str." statt. Dazu wird Zvi Aviram, der noch lebende Enkel von Marie Grünberg, aus Isreal anreisen und im Gespräch mit der Stiftung "Deutscher Widerstand" aus seinem Leben als Jugendlicher im Widerstand erzählen. Mit einem musikalischen Begleitprogramm und Vertretern des Bezirks findet damit die vom Runden Tisch Blankenburg initiierte Initiative zum Gedenken an diese mutige Frau einen würdigen und erfolgreichen Abschluss.  Einladung als PDF-Datei